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Neuer Trend bei Geschäfts-E-Mails grosser internationaler Pharmamultis: die Umweltschutzzeile. In kleingedruckten Versalbuchstaben werde ich in freundlichem Business-English aufgefordert respektive abgehalten "SAVE A TREE - PLEASE DO NOT PRINT THIS MAIL UNLESS YOU REALLY NEED TO", oft begleitet von einem lustigen Cartoonbäumchen.
Ich habe immer gedacht, Bäume bestehen aus mehr als nur einer gedruckten E-Mail, allein von der Datenmenge her, das nur so am Rande. Jedenfalls tue ich leider ziemlich oft really need to print, und das tut mir auch saumässig sorry. Die Aufforderung zum Druckverzicht wäre ja im Grunde genommen ganz vernünftig, dummerweise sind es aber genau die Pappnasen mit der Umweltschutzzeile, die bei längerem ausgiebig-leidenschaftlichem Mailverkehr immer nur auf den "Reply"-Button klicken und mit jeder ihrer Antwort gleich noch die 45 vorhergehenden E-Mails mitschicken. Sprich wenn Frau Bähler, für die ich trotz russischem, männlichen Bernerbärengraben-Namensvetter oft gehalten werde, nur unschuldig eine E-Mail ausdrucken will, hat sie/er als Resultat ein halbes Buch in der Hand.
So wie jetzt.
Lieber Leser, drucken Sie diese Kolumne bitte nicht aus, ausser Sie verspüren das dringende Bedürfnis dazu. Danke.
19. September 2009, 20:05 Uhr
Samstagabend. Keine Männerrunde, keine Party und kein Kinobesuch. Nein, heute ist tanzen angesagt, "Oldies but Goldies" in der Elisabethenkirche Basel, 40. Jubiläumsausgabe. Schweren Herzens lasse ich meine Schlaghosen im Schrank und entscheide mich für die klassische Hemd-und-Jeans-Kombo. Shake it, baby!
20:34 Uhr:
Die Warteschlange ist noch recht übersichtlich, ich bezahle 25 Franken hart verdientes Geld Eintritt plus nochmals zwei Stutz für die Garderobe. Dann ist sie wenigstens gut gesichert, denke ich mir. Bei der Jugend von heute kann man ja nie wissen.
20:40 Uhr:
Eigentlich dachte ich, "Oldies but Goldies" würde sich auf die Musikauswahl beziehen, selten an einem Abend so viele Brüste auf Halbmast gesehen. Sämtlichen Gesetzen der Rheumatik trotzend zuckelt eine geschätzte End-Siebzigerin an mir vorbei mit einem offensichtlich von ägyptische Hieroglyphen inspirierten Tanz. Schaudernd wende ich mich ab. Wenigstens brauche ich mir um meine Brieftasche keine Sorgen mehr zu machen.
21:15 Uhr
Nach einigen ungelenken Tanzversuchen stelle ich mich an die Bar und will mir einen zünftigen Cocktail genehmigen. Vielleicht klappts dann besser mit dem Rhytmus. Bevor ich mir meinen eigenen Tanzstil schöntrinken kann, hab ich auch schon die Ernüchterung: Wasser, Cola, Rivella, Weisswein und Bier. Oldies but Goldies bezieht sich offensichtlich auch auf die Getränkeauswahl. Da ich weder Lust auf Bier noch auf potentiell gepanschten Weisswein habe, bestelle ich mir eine Cola. Einige Sekunden später stehe ich Bogartmässig in einer neogotischen Ecke und nippe an meinem Plastikbecher. Der Rohstoffpreis für selbige ist anscheind wieder steigend, anders kann ich mir den Preis von 5 Franken nicht erklären. Zudem frage ich mich, wohin sich die Kohlensäure meiner Nicht-Brause hinverdrückt hat, da will ich nämlich mittlerweile auch hin.
21:30 Uhr
Todesmutig mische ich mich wieder unters Tanzvolk. Es werden immer mehr und der Altersdurchschnitt auch immer jünger, trotzdem stösst mich nach einiger Zeit die ägyptische Mumie von vorhin zielsicher von hinten an. Instinktiv will ich auf dem digitalen Steuerkreuz meinen Bathook auswählen, mich blitzschnell auf die Brüstung hochziehen und alle Gäste nacheinander mit meinem Batarang ausknocken, bis ich schliesslich enttäuscht feststelle: ich bin nicht Batman. Und ich habe in letzter Zeit eindeutig zu viel "Arkham Asylum" gespielt.
21:50 Uhr
Ich gebe frustriert den Tanz-Kampf auf, die anderen haben einfach die spitzeren Ellbögen als ich. Resigniert greife ich zu meiner halb-leer getrunkenen Cola und stell sie in einer beeindruckend-fliessenden Bewegung wieder zurück. Mein wertvoller Plastikbecher war ganze 30 Minuten lang unbeaufsichtigt und ich will nicht wissen, wie viele der anwesenden Rentnerschaft K.O.-Tropfen mit sich herumschleppt. Bei den Senioren von heute kann man ja nie wissen.
22:17 Uhr
Irgendwie haben hier alle ihren Spass ausser mir. Ich bin ein klein wenig neidisch. Ich beschliesse, mich an den einzig freien Platz unter einer Soundbox zu setzen und mir einen gehörigen Tinitus zuzuziehen, während ich allen anderen beim extatischen Zucken und Winden zusehe. Gleich rechts von mir gebärdet sich eine Mitt-Vierzigerin wie die besessene Göre im Exorzisten.
23:08 Uhr
Der Sound ist mittlerweile rockiger geworden, gut so. Das bringt allerdings einige der Jubiläums-Ballons an der Decke zum Platzen, so das ab und zu einige vor Schreck zusätzlich lustig zusammenzucken. Gemäss Plan sollten die "5000 Ballons" wohl um Mitternacht auf die tanzende Meute runtersegeln. Selbst die wenigen 100, die hier tatsächlich damoklesschwertmässig an der Decke hängen, werden es schwer haben, noch eine Lücke in der Tanzfläche zu finden.
23:32 Uhr
Ich schenke mir das Ballonspektakel und setze mich zusammen mit meiner Begleitung und einer Gruppe versiffter besoffener Teenies ins 10er Tram. Ich sinniere in Gedanken darüber, was es bräuchte, um mich fürs Tanzen zu begeistern: Dramaturgie, Spannung, Spiel, Schokolade. Und eine Highscoreliste, verdammtnochmal.
Ab dieser Woche kann man ja glücklicherweise um 18 Uhr die Tagesschau einschalten, ohne den Moderationsversuchen einer aufgetakelten Elfjährigen zuzusehen. Ein reiner glücklicher Zufall, dass dieses Naturtalent nur zwei Ortschaften entfernt vom Studio Leutschenbach zu finden war. So mussten die Reporter des Ringier-Verlages für Ihre obligatorische Home-Story auch nicht gross in der Pampa herumtuckern. Schön, wenn sich die Talente schon alle im Agglobereich Zürich tummeln tun.
Aussagen wie "sie ist so natürlich!" und "ein wahrer abgebrühter Profi!" konnte ich bei meinem "Test-viewing" letzten Dienstag jedenfalls nicht bestätigen. Oder vielleicht wäre die Kindertagesschau-moderatorin Ana natürlich gewesen, wenn man sie nicht vorher durch die Leutschenbachsche Gehirnwaschmaschine gezogen hätte, wo man lernt, wie man zu moderieren hat. So wirkte das Resultat auf mich eher naseweisig-streberhaft-arrogant, kurz, ich hätte der Göre am liebsten eine geklebt mit der Begründung, sie dürfe um diese Zeit gar nicht mehr auf sein.
Genutzt hat die "Kinder sind süss, sagen immer die Wahrheit und sind die besseren Menschen"-Woche natürlich vor allem unseren Politikern, die medienwirksam und freundlich-väterlich in Schulbesuchen harm-und libyenlose, Fragen wie "ist Bundesrat ein schwerer Beruf?" beantworten durften. Das die Kinder dabei lediglich schmuckes knuddeliges Beigemüse waren: geschenkt.
Hätte man am Welttag des Kindes wirklich die Kinder gefragt, was sie gerne machen würden, hätten sie sich wohl schlicht und einfach einen schulfreien Tag gewünscht.
Der lässt sich aber halt schlecht medial aufbereiten.
Bin ich eigentlich der einzige, der es etwas merkwürdig findet, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel dem israelischen Präsidenten Benjamin Netanjahu bei seinem Staatsbesuch letzte Woche "als Zeichen der Völkerverständigung" die Originalbaupläne des Konzentrationslagers Ausschwitz-Birkenau überreicht hat?
Als nächstes geht wohl Barack Obama nach Japan und überreicht dort die Dokumente vom "Manhattan Project".
Mich würde momentan gar nichts mehr wundern....
Kürzlich hab ich mal wieder auf etwas gewartet. Dabei kann man entweder ruhig rumsitzen und durch die Gegend starren, in der Nase rumpopeln oder irgendein elektronisches Ablenkungsgerät zur Hand nehmen und feststellen, dass der Akku leer ist (ja, ich meine DICH, Playstation Portable). Ich griff aber oldschoolmässig zu einem Stapel "Schweizer Familie"-Hefte. Falls es jemand noch nicht wissen sollte: die "SF" ist eines der dienstältesten Schweizer Magazine und quasi die biedere Variante der "Schweizer Illustrierten". In anderen Worten: wo die "SI" boulevardesk, reisserisch und oft auch hemmungslos dämlich ist, ist die "SF"...äh..traditionell.Für Freunde der unfreiwilligen Komik ist wohl die Rubrik "Denkpause" gedacht, worin ein externer Experte allerhand gescheites Zeug schreibt, diesmal zum Thema - Überraschung - "Jugendgewalt". Komischerweise entdecke ich nirgends die in diesem Zusammenhang gerne herbeigezogenen Schlagwörter wie "Internet" und "Neue Medien", aber das hat wohl damit zu tun, das diese für die "SF" praktisch inexistent sind. Es folgen rührende Stricktipps, Vorher-Nachher Modefotos, eine Analyse des bösen Gentechmais, ein Test aktueller Brettspiele sowie eine Fotoreportage über schöne Wanderwege in der Schweiz. Beachtlich: die SF-Fotografen schaffen es sogar, totfotografierte Sujets wie den Lauenensee so exotisch aussehen zu lassen, als wäre es eine schottische Hochlandpfütze mit Seemonster.Dann endlich: ein Bericht über unsere tapferen Schweizer Soldaten! Ich will schon anfangen mit heimeligen "ach so war das früher"-Gedanken, da fällts mir wie Schwarzpulver von den Augen: die SF-Ausgabe ist ja aus diesem Jahr. Und die Fotos der Réduitfuzzis sind farbig. Ach ja, das "Living History"-Projekt von "Schweiz Aktuell". Da wollte ich ja auch noch drüber herziehen, schliesslich wurde der Sendung ja schon im Vorfeld die Kriegsverherrlichung vorgeworfen. Das Resultat war dann eher die Verherrlichung des Trivial-Langweilligen, bestenfalls geniessbar als Uniformenporno. Man kann halt ohne Gegner keinen Kriegszustand simulieren. Spätestens nach einer Woche habe ich mir eine zünftige Ballerei gewünscht. Wenn man wenigstens ein paar deutsche Kollegen in einem anderen Bunker untergebracht hätte mit der langfristigen Aufgabe, die Schweizerflagge im Réduitbunker zu klauen, hätte das ganze noch einen gewissen trashigen Charme gehabt. So erschöpften sich die Schauwerte beim nervigen Dauergrinsen der schwangeren Landfrau Gaberthuel, der verschiedenen Zubereitungsarten von Kartoffeln, juckenden Socken und tränenreichem Wiedersehen am Ende. "Nu weiss ych wiä sich d'froue damals gfühlt hen, wo sie uf ihri manne hen müäse wartä", sagte da die Frau eines Rekruten unter Tränen am Ende in die Kamera. Stimmt, der Zweite Weltkrieg dauerte auch ja nur drei Wochen, die Teilnahme war absolut freiwillig und jeden Abend konnte man sich alles zusammengefasst im Fernsehen anschauen.Mittlerweile hatte der Downloadbalken 100% erreicht und ich entschloss mich, genug gewartet zu haben. Mit zunehmender Geschwindigkeit des Internets werden sich die Begegnungen zwischen der "Schweizer Familie" und mir wohl zukünftlich auf ein Minimum beschränken. Gottseidank.
Sehr geehrter Programmchef bei SF2
Gleich vorweg: ich habe so etwas wie eine Hassliebe zu euch entwickelt. Liebe, weil es ausser euch kein anderer Sender fertig bringt, Filme und Serien mit optionaler Originaltonspur auszustrahlen. Hass, weil ihr es im Gegensatz zu anderen Sendern nicht fertig bringt, für diese Serien einen einheitlich-regulären Sendeplatz zu finden.
Beispiel "Prison Break, 4", Season 4. Erst noch recht vernünftig platziert jeweils Donnerstags um 22:45 Uhr. Kann man sich auch als berufstätiger Mensch noch geben, ohne am nächsten Tag die Tastatur als Kopfkissen benützen zu müssen. Zwar verschiebte sich auch da dank Sport Aktuell die Sendezeit jeweils nach hinten, weil man ja auch den hinterletzten eingeknickten Kunstrasengrashalm nach einer Fussball Live-Uebertragung in Grund und Boden analysieren muss.
Nach einigen Wochen hatte ich mich auch schön an die, wenn auch immer leicht varierende, Sendezeit von Scofield und Co. gewöhnt. Doch dann klatscht ihr mir plötzlich unvermittelt "In Treatment" vor den Latz. Sicherlich keine schlechte Serie, aber ich will ja Gefängnisausbruch gucken und brauche momentan noch keine Therapie. Kulinarisch formuliert: wenn ich Fleisch essen will, gebe ich mich auch nicht mit Tofu zufrieden.
Aber da ich noch relativ jung bin und beim Blinzeln beide Augen zudrücken kann, sah ich auch über die erneute Sendezeitverschiebung auf 23:15 Uhr hinweg. So gingen wieder einige Wochen ins Land...
...bis mir gestern erneut mit "Californiacation" eine Serie vorgesetzt wurde, die ebenfalls sicher nicht schlecht ist, aber sie wissen schon, Tofu und so.
So muss ich mich jetzt für die letzten sechs Folgen der 4. Staffel Prison Break erst jeweils durch einen versifften, dauergeilen "ich war mal Fox Mulder" David Duchovny sowie zig nackte stöhnende Weiber kämpfen, um schliesslich um 23:45 meine Lieblingsserie gucken zu können. Wohl gemerkt, ich habe nichts dagegen, mich durch zig nackte stöhnende Weiber zu kämpfen, aber alles zu seiner Zeit.
Eben. Zeit. Himmelherrgottnochmal. Warum klappt das bei euch einfach nicht mit fixen Sendezeiten? Beat Schlatter warnt mich ja auch jeweils pünktlich davor, bei Halskratzen ins Büro zu gehen. Und Frau Bähler (an dieser Stelle ein lieber Gruss an sie, wir sind nicht verwandt. Jedenfalls noch nicht.) erzählt auch immer zur selben Tageszeit von ihren Hochs und Tiefs. Warum, lieber verantwortlicher Programmchef, klappt das nicht auch bei Spätabendserien?
Freundliche Grüsse
Mischa Bähler
Manchmal, wenn das Sternbild des Orion in einer bestimmten Relation zum Neigungswinkel der Erdachse steht und der Mond sich in seiner Diätphase befindet, bekommt man im Autoradio nicht nur todgenudelte Popsongs oder fürchterlich unkomische Moderatoren zu hören, sondern tatsächlich auch mal einen interessanten Beitrag. So auch an diesem Morgen zu Beginn der Sommerferien. Womit wir grad beim Thema wären, es ging nämlich darum, ob Lehrer nun tatsächlich ganze sechs Wochen auf der faulen Haut liegen würden. Obwohl ich die Antwort auf diese Frage schon seit dem ersten Schultag weiss, wollte der Sender der Sache auf den Grund gehen und interviewte zu diesem Zweck Herrn P. aus Aarau, seines Zeichens Lehrer der Physik.
"Ja das ist es, was alle glauben, aber dem ist nicht so!" 100 Punkte an sie, Herr P., immerhin machen sie sich nichts vor, was die öffentliche Wahrnehmung anbelangt. "Von heute an geh ich mit der Familie zwei Wochen in den Süden, aber gleich nachher gibts eine Woche Weiterbildung." Ok, ganz vernünftig bisher, auch die Naturgesetze machen schliesslich heutzutage nicht vor Revisionen halt. "Die restlichen drei Wochen bin ich in der Schule am aufräumen und vorbereiten." Aha, jetzt wissen wirs: Herr P. braucht drei Wochen zum Aufräumen und zur Vorbereitung eines Lernplans, der sich wohl naturgemäss eher geringfügig vom letzten Jahr unterscheiden dürfte.
Wie komme ich dazu, solche Behauptungen in die Welt zu setzen, schliesslich hab ich ja vom Lehrerberuf, von Herrn P. und von Physik sowieso nicht die geringste Ahnung? Oh doch, momentan unterrichte ich täglich hunderte von Sch(m)eissfliegen in Sachen Trägheit und Masse. Respektive ich zeige ihnen anschaulich, was passiert, wenn ihr ach-so-stabiler Chitinpanzer mit dem geschwungenen und harten Gitterplastik meiner 45er Magnum-Klatsche kollidiert. Und das ist nicht schön. Mein Klassenzimmer gleicht mittlerweile einer Szene aus einem Splatterstreifen, wenn hier einer eine Fortsetzung von "Liebling ich habe die Kinder geschrumpft" drehen würde, der Film wäre ab 18 Jahren freigegeben.
Natürlich deprimiert mich der Anblick von verstreuten kubikmilimetergrossen Gedärmen immer wieder aufs Neue. Ich tröste mich dann jeweils mit dem Gedanken an die Reinkarnation, denn ich erlöse die Viecher ja von ihrem kackekrabelnden Dasein und befördere sie in ihre nächste Existenzform als Eintagsfliege.
Wer jetzt denkt, dass ich diesem wirren "vom Sonnensystem zur Lehrerschaft bis zur Stubenfliege"-Text ein einigermassen sinnvolles "Aha"-Ende verpasse, der kennt mich erstens schlecht und hat sich zweitens wohl irgendwo geschnitten.
Ich für meinen Teil denke aber es ist höchste Zeit für eine zünftige Sommerpause.